Spätestens am 07. Mai verändert sich das Leben von Christian Schoch (Freie Wähler) grundlegend. Ab dann ist er der neue Oberbürgermeister der Stadt Kempten. Beim Interview in den 0831-Redaktionsräumen hat er uns verraten, was ihm dabei besonders wichtig sein wird.
- „Frischer Wind für Kempten“ – das war ja dein Motto. Was genau verstehst du darunter?
Für mich heißt frischer Wind vor allem, schneller zu Entscheidungen zu kommen. Ich sehe die Rolle des Oberbürgermeisters durchaus als eine treibende. Das ist in einer Demokratie natürlich immer eine Gratwanderung – niemand will gern getrieben werden. Aber ich glaube es braucht mehr Bewegung, mehr Transparenz, ein bisschen mehr Tempo.
- Ging es dir in der Vergangenheit zu langsam?
Ja, oft schon. Und nicht immer lagen die Gründe in Krisenfolgen. Die Erschließung des Baugebiets Halde Nord bis zum Verkauf brauchte beispielsweise etwa acht Jahre. Die Grundschule Heiligkreuz oder auch die Standortentscheidung für die Dreifachsporthalle, der Wohnmobilstellplatz am Illerdamm – das alles sind Beispiele, bei denen klare Ansagen und ein zügigeres Vorgehen Kosten geringer gehalten hätten.
- Du bist politischer Quereinsteiger und bringst wenig Erfahrung mit. Wie bereitest du dich jetzt konkret vor? Hast du Berater, besuchst du Seminare?
Schon im Wahlkampf habe ich mich eng mit der Fraktion ausgetauscht, damit ich inhaltlich nicht bei null starte. Ich habe zugehört, mir Themen erklären lassen und mir einen Überblick verschafft, was aktuell und im laufenden Jahr wichtig ist. Auch mit der Verwaltung bin ich im intensiven Austausch – nicht nur terminlich, sondern inhaltlich. Aus allen Referaten gibt es Status-quo-Berichte: Woran wird gearbeitet, wo drückt der Schuh, wo braucht es Entscheidungen. Das ist sehr konkret. Im Laufe der Amtszeit werde ich merken, wo ich Nachholbedarf habe – ob rhetorisch oder fachlich, etwa im Baurecht. Dann werde ich gezielt nachsteuern.
- Wie wirst du die komplizierte Zusammenarbeit im Stadtrat organisieren?
Ich kenne fast alle Stadträtinnen und Stadträte inzwischen persönlich – bis auf vier von der AfD. Mein Eindruck ist: Bei den meisten steht die Sache im Vordergrund, nicht die Partei. Ich bin deshalb guten Mutes, dass Parteigrenzen nicht dominieren werden und man konstruktiv zusammenarbeiten kann. Gerade CSU und Freie Wähler sollten Verantwortung übernehmen. Wenn 20 von 44 Mandate auf zwei inhaltlich nahestehende Gruppen entfallen, können sich diese nicht dauerhaft gegenseitig blockieren oder in die Opposition drängen. Das hielte ich für ein Missverständnis von Demokratie.
- Viele Menschen in Kempten treibt die Leerstandsthematik um – aktuell sieht die Fußgängerzone an vielen Stellen traurig aus. Doch es scheint kein Gesamtkonzept für mehr Attraktivität zu geben.
Das ist in der Tat ein Problem. Das Schwierige sind die Eigentumsverhältnisse. Da habe ich selbst noch keinen vollständigen Überblick. Dabei geht es nicht nur um die Galeria, sondern generell um die Frage: Wo können wir allein entscheiden – und wo brauchen wir private Eigentümer von Gebäuden oder Grundstücken? Eine Riesenchance ergibt sich gerade mit dem Sparkassenquartier und der Auflösung der ZUM. Das ist unser Gestaltungsbereich, und in diesem Zusammenhang können wir grundsätzlich über die Königstraße nachdenken: Sie ist breit und bietet Spielraum. Denkbar wäre, sie stärker für Bus, Rad und Fußverkehr zu öffnen und sichere, breite Radwege zu schaffen – von der Residenz bis zum Forum oder sogar bis zum Bahnhof. Dann ließe sich auch der Donau-Iller-Radweg auf diese Achse legen und brächte mehr Touristen ins Zentrum.
- Was wäre deine Idealvorstellung für den Galeria-Kaufhof-Komplex?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich mir ein Atriumgebäude vorstellen. Mit einer Öffnung von der Residenzseite her, nicht unbedingt über die gesamte Höhe, aber so, dass Licht und Grün nach innen kommen. Unten wäre Gewerbe: Orte zum Reingehen und Verweilen, vielleicht Gastronomie – und gerne etwas, das Jugendliche attraktiv finden. Diesen Gedanken möchte ich den Eigentümern vermitteln: Wenn ihr einen Teil davon umsetzt, profitiert ihr selbst davon, das ist ein Geben und Nehmen. Als Stadt vertreten wir ja die Gesellschaft und können beraten: Was wird hier angenommen, was wünschen sich die Menschen?
- Hast du weitere Ideen für eine attraktive Innenstadt?
Beschattung und Grün sind mir besonders wichtig. Ich mag den Sommer sehr, aber Orte wie der Hildegardplatz oder der St.-Mang-Platz brauchen dringend mehr Schatten – ich bin gespannt, wie die neuen Maßnahmen an letzterem wirken werden. Gemeinsam mit City Management und Stadtmarketing möchte ich schauen, wie wir mehr Grün in die Stadt bringen können – und direkt mit dem Hildegardplatz anfangen.
- Welches Verkehrskonzept hast du für den inneren Bereich von Kempten?
Als sehr alte Stadt haben wir enge Räume und Nutzungskonflikte. Die Salzstraße ist dafür ein gutes Beispiel. Dort Rad, Auto und Fußverkehr gegeneinander auszuspielen, halte ich nicht für zielführend. Da kann es fürs Fahrrad andere Wege geben – Stichwort Königstraße. Als Regionalzentrum sind wir darauf angewiesen, dass Menschen aus dem Umland in die Stadt kommen. Deshalb müssen wir Autoverkehr akzeptieren und zugleich klug steuern. Langfristig stelle ich mir ein System aus Parkhäusern und großen Parkflächen rund um die Fußgängerzone vor, von denen aus es zu Fuß oder mit dem Rad weitergeht. Das ist eine Vision für viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Aber irgendwo muss man anfangen.
- Und was ist mit dem öffentlichen Nahverkehr? Je attraktiver er ist, desto mehr Leute nutzen ihn...
Absolut. Allerdings ist der ÖPNV schon heute ein Zuschussgeschäft. Die Frage ist, wie viel wir als Gesellschaft bereit sind zu investieren, um ein gutes Angebot sicherzustellen und zu hoffen, dass sich das Verhalten irgendwann ändert.
- Du hast zwei kleine Kinder. Was willst du für Familien in Kempten tun?
Verlässliche und alltagstaugliche Rahmenbedingungen schaffen. Mit dem kommenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung müssen wir Verfügbarkeit und Flexibilität in der Kinderbetreuung verbessern. Viele Eltern sagen mir, dass sie keine Betreuung bis 16 oder 17 Uhr brauchen, sondern verlässliche Angebote bis 13 oder 14 Uhr – zu bezahlbaren Kosten und mit einem soliden Qualitätsstandard. Diese Nachfrage wird bislang zu wenig berücksichtigt, auch wegen starrer Buchungsmodelle. Das möchte ich gemeinsam mit den Trägern neu bewerten. Priorität haben für mich berufstätige Eltern, besonders Alleinerziehende. Gleichzeitig brauchen wir bei unseren Schulen einen konsequenten Weg zwischen High-End- Ansprüchen und baulicher Verwahrlosung. Das gilt für Heiligkreuz ebenso wie für die Lindenbergschule, die aus meiner Sicht zu lange wegen mangelnder Lobby nach hinten geschoben wurde.
Interviewführung und Text: Anke Roser und Lutz Bäucker
Foto: Helga Fendt
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